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Inka Perl ist kein Künstlername,

auch wenn das angesichts der überbordenden Verspieltheit ihrer Arbeiten leicht den Anschein haben könnte.

Tatsächlich ist sie als Person – auch ikonografisch – durchaus ein Teil ihres Werkes. Inka Perl verarbeitet ihre subjektive Weltsicht, ihre Stimmungen und Befindlichkeiten zu metaphorischen postfeministischen Kunstwerken, welche vom Persönlichen auf das große Ganze verweisen.

Ihre oft kryptischen Bilder, Assemblagen, Objekte, Schreine und Installationen sind Statements zur gegenwärtigen Kultur in all ihren Facetten – von der bunten Oberflächlichkeit der Konsumwelt hin zu zwischenmenschlicher Verelendung. Sie verbindet Romantik, Retrokitsch, Neo-DADA und an Art Brut erinnernde Simplizität mit philosophischen Gedankenspielen, welche als Zitate und Sinnsprüche, teils im Original, teils verfremdet, in ihren Arbeiten auftauchen. Ihre fröhlich-nostalgisch anmutende Glitter-Ästhetik schafft romantische Vorhänge, hinter denen sich düstere Abgründe verbergen können.

Carsten Busse
(Künstlerkollege & Kurator / Leipzig)
 
Halt finden in Konstanten

Die Zeit und ihre Fülle an Zeugnissen rast an uns vorüber, schneller als wir imstande sind wahrzunehmen, aufzunehmen und zu verarbeiten.
Was geschieht mit den Dingen, die durch die Maschen unserer Aufmerksamkeit gefallen sind, uns aber dennoch prägen – unser Weltbild, unser Schönheitsbild, unsere Kultur?
Als bewegte sich Inka Perl außerhalb der Zeit in einer Beobachterposition, scheint ihr jene Möglichkeit zu eigen, ihre Aufmerksamkeit den Dingen zu widmen, die durch das gesellschaftliche Wertsystem fielen und diese zu speichern. Sie ist Medium der Dinge, die nicht vergessen werden dürfen. Insofern ist Inka Perl eine Art Hüterin unserer Kultur und erfüllt eine Gedächtnisfunktion. Sie breitet ihre Röcke aus und fängt die Schönheit auf, die wie Plankton in die Tiefe des Unterbewusstseins der Gesellschaft sinkt. Sie sammelt, verdichtet und übersetzt. So bekommt das Unterbewusste ein Gesicht und ermöglicht uns, zu erkennen, was sich uns bisher als Wert nicht erschlossen hat.
So beginnt ihr Werk und entsteht immerfort in ihren Räumen, wie ein Protokoll. Es ist wie erinnern, wenn ich Inka Perl in diesen Räumen besuche. Insofern eine Art heimkommen, weil ich bei ihr auf Dinge treffe, die mir vertraut scheinen, ohne zu wissen wo ich ihnen begegnete. Eine Konfrontation mit eigenen unterbewussten Prägungen, die mein Empfinden für Heimat, Identität, Geborgenheit, Schönheit usw. ausmachen.
Das Erleben ihres Werkes hat auch einen Moment des Schreckens. Denn das was wir sehen, dokumentiert das Leben schon in dem Moment wo es geschieht und geht davon aus, dass ein Weiterleben nicht vorgesehen ist. Es könnte der Blick in eine Zukunft sein, in der Glitzerstaub in der Nachmittagssonne eines geöffneten Fensters mit wehenden Gardinen der Vergangenheit angehört.
Was so entsteht, ist Teil des Kulturgutes und nicht als Produkt für einen Kunstmarkt angelegt. Die Objekte in Inkas Räumen sind Entitäten, über die wir Zugang erhalten zu einem Teil in uns selbst, dem wir wenig Beachtung schenken. Deshalb ist es überraschend zu entdecken, wieviel Schönheit darin ist.
Inka Perls künstlerische Intention des Bewahrens von Werten vermittelt sich durch die Objekte ihres Werkes und deren spezielle Zusammenstellung, die den Blick des Betrachters schärft.
Ihr Werk vervollkommnet sich aber auf besondere Weise durch die Präsenz ihrer Person, weil sie es lebt und belebt und die Nuancen der Ver­ änderung, die die Zeit mit sich bringt, als Bewegung in ihr Werk übersetzt.
Die Möglichkeit, diesen Ort öffentlich zugänglich zu machen ist ein gesellschaftsrelevanter Beitrag. Das Werk von Inka Perl ist das Ge­schenk an diese Gesellschaft, einen Ort besuchen zu können, wo man doch noch erfahren kann, was zu schnell vorüber flog. Das ist ein Prozess, den man sich im normalen Leben häufig wünscht, der jedoch unrealistisch ist. Ein Ort der Sehnsucht, weil er Innehalten ermöglicht und der Verbindung mit dem Unterbewussten Raum macht. Eine Konstante, an der ich teilhaben darf, jedes Mal wenn mich Inka durch ihre Räume führt und mir die Neuankömmlinge in ihrem Werk vorstellt.

Louise Walleneit
(Künstlerin & Kuratorin / Leipzig)

Schillernd schlagkräftige Denk-Objekte

Flaschenputzer treffen auf getrocknete Rosen, schimmernde Glaskugeln krönen ein Geweih, kleine Spruchtafeln geben widersprüchliches zum Besten. Der Kosmos von Inka Perl ist schillernd und doch zurückhaltend, filigran und dennoch voller Schlagkraft, humorvoll und gleichzeitig kritisch und immer ein bisschen rätselhaft. Die gebürtige Leipzigerin fügt zusammen, was auf den ersten Blick nicht heterogener sein könnte. Und doch verschmelzen die Dinge zu neuen Sinngebilden, welche mit einem Augenzwinkern und unverblümter Neugier die normative Wahrnehmung der Wirklichkeit hinterfragen.

Inka Perls Arbeiten sind Objektcollagen. Auf Flohmärkten sammelt sie Dinge, die ihr ins Auge stechen die sie neugierig machen oder die ihr gefallen. Ganz im Sinne Marcel Duchamps entscheidet sie, welche Objekte Kunst sind beziehungsweise werden dürfen. Diese erfahren dann eine Transformation, Verschmelzen zu einem neuen Ganzen, werden zu dreidimensionalen Collagen voller visueller Überraschungen. Sie spielen mit dem post-surrealen Geist des Wunderbaren, welches durch die „unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ hervorgerufen wird.1

Dieses „Wunderbare“ ist es, was Inka Perls Werke zu so faszinierenden kleinen Universen werden lässt. Jede Arbeit eröffnet eine neue Welt voller Ideen und Assoziationen. Sie führt uns vor Augen, dass die alltäglichen Dinge mehr sein können als das, was wir in ihnen sehen. Damit setzt sie die Gedankenwelt keines geringeren, als des großen surrealistischen Malers René Magritte in die dritte Dimension um, drückt ihr dabei jedoch ihren ganz prägnanten „Inka“-Stempel auf, entwickelt die Ideen auf ihre eigene Art und Weise weiter.

René Magritte ist bekannt für die Irritationen, die er in seinen Werken dadurch erzeugte, dass er unsere Erfahrungen der Wirklichkeit aushebelt. Er verfremdete Alltägliches, indem er es aus dem gewohnten Kontext hob. Alle Bilder Magrittes sind jedoch über eine „poetische Logik“ nachvollziehbar, sie stellen „Denkbilder“2 dar, welche rational reflektierbar sind.

Solche Denkbilder bzw. Denkobjekte sind auch Inka Perls Arbeiten. Die Künstlerin hat sich eine wunderbare Neugier bewahrt, welche nichts scheut und sich nicht aufhalten lässt. Mit dieser befragt sie nun die Welt. Sie dreht, wendet und kombiniert die Dinge so weit und so lange, bis sie eine Perspektive gefunden hat, welche sie zufrieden stellt. So entstehen spielerisch neue Sinnzusammenhänge, die uns als Betrachtern andere Blicke und ungewohnte Sichtweisen erlauben.

Mit einem bezaubernden Humor und gleichzeitig oftmals kritischem Blick haucht Inka Perl den alltäglichen Dingen so ein neues Leben ein – ein zweites Leben mit origineller Bedeutung und unkonventionellen Zusammenhängen.

Anne Simone Krüger
(Kunsthistorikerin und freie Kuratorin / Hamburg)


1 Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror (Orig.: Les Chants de Maldoror, Paris 1868), Sechster Gesang. Reinbeck bei Hamburg 1990 (1963), S. 223.
2 Karin Thomas: Blickpunkt Moderne. Eine Geschichte der Kunst von der Romantik bis heute. Köln 2010, S. 227.